Im freien Fall

Musiker erleben den Auftritt auf der Bühne oft als Drahtseilakt: Zitternde Knie, trockener Mund, Gedächtnislücken. Sie sprechen von Lampenfieber. Aber was ist das eigentlich? Und wieso stresst uns Publikum so?

Foto: Patrick Pelster

„Als Kind hatte ich das überhaupt nicht. Du gehst einfach raus auf die Bühne, machst dein Ding und freust dich auf das Eis danach.“ Erst am Musikgymnasium in Belgrad begannen auch Sandra Vucenovics Hände zu zittern. Das verlagerte sich irgendwann in die Beine und machte es der Pianistin unmöglich, sauber zu pedalisiereren. Manchmal musste sie das Pedal, das am Klavier für lang nachhallende Töne und somit klangvolle, gebundene Passagen verantwortlich ist, sogar einfach weglassen.

Gerade dann, wenn es wichtig wäre, die volle Kontrolle zu haben, steigt bei Menschen, die sich mit Publikum konfrontiert sehen, das Lampenfieber. Was Menschen auf der Bühne oft durchleben, lässt sich für „Auftrittslaien“ wohl am besten mit Prüfungsangst veranschaulichen. Man stelle sich vor, eine Prüfung vor allen Teilnehmern der Klasse und unter den Augen des Lehrers auf dem Overheadprojektor in Schönschrift absolvieren zu müssen: Zittrige Hände oder Blackouts sind fast schon vorprogrammiert. Da hilft auch Erfahrung nicht viel.

Lampenfieber ist nicht gleich Lampenfieber.

Obwohl das Phänomen weit verbreitet ist – viele nehmen an, jeder hätte Lampenfieber in irgendeiner Form – ist die wissenschaftliche Forschung dazu noch nicht weit fortgeschritten. „Alles, was schiefgeht, ist ‚Lampenfieber‘,“ kritisiert Adina Mornell, Professorin für Instrumental- und Gesangspädagogik an der Hochschule für Musik und Theater München. Denn Lampenfieber ist nicht gleich Lampenfieber. Während der eine auf ein Aktivierungslevel gebracht wird, das seiner Muskulatur keine ruhige Minute gönnt, wird der andere gelähmt wie ein von Lichtkegel eines Autos überraschter Igel. Die unzähligen Symptome reichen von Gedächtnislücken, zitternden oder kalten Händen und Hitzewallungen über Magen-Darm-Beschwerden bis hin zu Panik-Attacken.

Mornell war eine der ersten, die versuchte, sich empirisch-analytisch mit dem Problem zu befassen. Ihr wissenschaftliches Interesse für das Thema wurde 1998 auf einem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin geweckt. Während körperliche Probleme wie Haltungsschäden oder Sehnenscheidenentzündungen von Medizinern verstanden, behandelt und verhindert werden können, wurde ihr klar, „dass das Thema ‚Aufführungsangst‘ zwar für viele wichtig war, aber dass es wenig zum Thema gab. Einige Vorträge waren gar auf Intuition statt auf Wissenschaft gebaut.“ Da sie selbst auch Pianistin ist, sah sie die Möglichkeit, sich in diesem bisher von Musiklaien beackerten Gebiet nützlich zu machen – aus der Sicht einer Wissenschaftlerin mit praktischer Erfahrung.

Angst nährt Angst.

In ihrem Buch über Lampenfieber beschreibt Mornell die Ursachen für einen Teufelskreis der Angst: Meist mit Beginn der Pubertät beginnen junge Künstler, sich aus Sicht ihrer Umwelt zu reflektieren: Das Publikum könnte sie hässlich finden. Sie könnten sich blamieren, ihre Eltern und Lehrer enttäuschen, dem Komponisten nicht gerecht werden, ihren Traum vom Musikerberuf gefährden. Solche und ähnliche Gedanken führen zu physischer Angst, die entweder hemmend oder zu anregend wirken kann – man bekommt einen Blackout. Zitternde Hände oder eine unkontrollierbare Stimme führen zu Fehlern. Diese Schlüsselerlebnisse  verursachen mehr Aufregung beim nächsten Auftritt: Angst nährt Angst. Die gesteigerte Erregung des zentralen Nervensystems führt dazu, dass die Erinnerung an vermasselte Auftritte in der Vergangenheit noch leichter abzurufen ist. Im schlimmsten Fall handicapt der Künstler sich selbst, indem er der Aufregung aus dem Weg geht und die Auftrittssituation so lange wie möglich verdrängt: Er übt weniger und vermeidet, sich den Ernstfall vor Augen zu führen. Das führt wieder zu mehr Aufregung beim Auftritt. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf schließt sich.

Im Bereich der Sportpsychologie sei man schon viel weiter, meint Mornell. Das Trainieren in Gruppen ist hier Standard. In diesen wird offen über mögliche Patzer geredet. Die Frage, ‚Was passiert, wenn … ?‘, ist kein Tabu. Sportler versuchen sich immer wieder mit der kritischen Wettkampfsituation auseinanderzusetzen. „Die meisten Musiker hören immer nur: Üben, üben, üben“, sagt Mornell. Aber auch eine vermeintlich perfekte Vorbereitung kann die Aufführungsangst nicht vertreiben.

Sandra Vucenovic hat gelernt, mit ihrem Lampenfieber umzugehen. Seit zwanzig Jahren begleitet sie in München Musikstudenten bei Auftritten am Klavier. Vucenovic erinnert sich an eine Anspielprobe mit einem Geiger in Belgrad: „Er war so aufgeregt, dass er trotz Noten die Anfänge vergessen hat. Die rechte Hand war so steif, dass er Schulterschmerzen bekam. Das Konzert war sehr wichtig für ihn. Da wären Leute gekommen, die entschieden hätten, ob er in der Philharmonie spielen darf. Eine Stunde vor dem Konzert hat er den Veranstalter kontaktiert: Er sei ausgerutscht und habe Schmerzen im Ellenbogen, so dass er nicht streichen könne. Das war die krasseste Geschichte, die ich in diesem Kontext erlebt habe: Er konnte nichts mehr von dem, was am Tag vorher noch einwandfrei lief.“

Beta-Blocker: „Ich war wie ein Zombie.“

Angesichts solcher Erlebnisse hat Vucenovic Verständnis, dass viele auf chemische Hilfsmittel zurückgreifen: Beta-Blocker, die die Wirkung von „Stresshormonen“ hemmen. Auch wenn sie es bedauert: „Ich habe einmal in meinem Leben einen Beta-Blocker genommen. Ich weiß es noch wie heute: Beethoven-Variationen, es ging darum, wer beim Abschlusskonzert spielen darf. Ich war wie ein Zombie. Ich habe technisch per- fekt gespielt, aber die Empfindungswelt war verschwunden.“ Obwohl sie beim Abschlusskonzert spielen durfte, würde sie es nie wieder tun.

„Es müsste irgendwie Bestandteil des Musikstudiums werden, wie man mit Lampenfieber umgeht“, meint Vucenovic. Denn viele hängen ihren Traumberuf deswegen wieder an den Nagel. Das ist in einigen Musikhochschulen bereits angekommen. In München bietet Adina Mornell eine Vorlesung zum Umgang mit Lampenfieber an. Je früher das Bestandteil der Ausbildung wird, desto besser. Deshalb wird sie für die angehenden Musikpädagogen zum Pflichtprogramm gehören.

Lampenfieber an sich ist nichts Schlechtes. Schafft man es, das richtige Maß Aufregung mit auf die Bühne zu nehmen, kann das zu Höchstleistungen führen. Erfahrene Fallschirmspringer haben den Höhepunkt der körperlichen Erregung kurz vor dem Absprung. Neulinge direkt danach im freien Fall. Auch bei erfahrenen Musikern wurde beobachtet, dass die Generalprobe sie viel nervöser macht als die Aufführung selbst. „Ich gehe an einem Tag vor einem wichtigen Konzert den ganzen Ablauf mental durch,“ beschreibt Vucenovic ihre Methode. „Da wird die meiste Nervosität vorher abgebaut. Es bleibt eine positive Aufregung, die einen beflügelt und nicht hemmt.“ Dazu rät auch Mornell ihren Schützlingen, die normalerweise versuchen, so wenig wie möglich an den drohenden Auftritt zu denken.

Ein Patentrezept gibt es nicht.

Ein Patentrezept gebe es nicht, meint Mornell. Deshalb hält sie auch wenig von den meisten auf dem Markt erhältlichen Ratgebern. Ihnen fehle die wissenschaftliche Grundlage, sie seien nicht auf die Einzelperson bezogen und oft von musikalischen Laien geschrieben. Sie selbst versuche vor allem, Methoden der Selbstreflektion vor und nach dem Auftritt zu vermitteln.

Manche Menschen betrifft dies alles nicht. Sie scheinen für die Bühne geboren. Fast schon instinktiv nutzen sie die Aktivierung und übertreffen ihre Probenleistung bei Weitem: „Solche Rampensäue gibt es“, lacht Vucenovic und erzählt von einer Studentin: „Sie ist in den Proben auch gut. Aber sie geht auf die Bühne und blüht auf. Das ist immer drei Stockwerke über ihrer Probenleistung.“ Die Regel ist das nicht. Martha Argerich, eine der bedeutendsten Pianistinnen unserer Zeit, geht seit Langem nicht mehr allein auf die Bühne: Man sagt, vor Solo-Auftritten musste sie sich regelmäßig übergeben.


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